Taichung, 10.12.2001

So, nun bin ich fast schon eine Woche hier. Wie die Zeit vergeht. Ich habe eben festgestellt, dass ich in meinem ersten Bericht doch tatsächlich gar nichts über Land und Leute geschrieben habe. Naja, soviel habe ich natürlich auch noch nicht zu berichten. Armin hat mir erzählt, dass einige der Kollegen hier das Gefühl haben angestarrt zu werden, schließlich sind wir ja hier die Langnasen. Also ich kann das mal überhaupt nicht bestätigen. Natürlich wird man angeschaut, aber dann grinst man kurz zurück, und schon bekommt man auch ein herzliches Lächeln, und die Sache ist erledigt. Angestarrt, haha, dass ich nicht lache, die waren alle noch nicht in Indien!!!! Die Stadt ist sehr groß, und für jemanden, der ja eigentlich aus ner eher kleinen Stadt kommt doch schon ganz schön verwirrend.

Allerdings scheint es hier ne Menge Ausländer zu geben. Samstag Abend waren wir aus, erst in einem Restaurant, dort wurden zwei Geburtstage gefeiert von Leuten die wir eigentlich kaum oder gar nicht kennen, aber man hat uns einfach mal mitgeschleppt, und das war wohl auch in Ordnung so. Dort waren also schon mal ca. 25 Langnasen versammelt, von dort aus sind wir dann in die erste Bar „Tropics“, dort gehen anscheinend nur Ausländer hin, die einzigen Taiwanesen dort waren die Angestellten, und vielleicht noch zwei drei Gäste. Armin ist der Überzeugung, dass diese Bar ja eigentlich ne Schwulenbar ist, schließlich ist sie in Pastell gestrichen, und der DJ spielt gerne ABBA *grins*, na ja, so ganz unrecht hat er da nicht, allerdings würde ich sagen, ne echte Schwulenbar ist es dann doch nicht, nur der Spaß dabei das immer wieder zu behaupten und somit all die lieben Kollegen zu verunsichern, ist schon ganz nett. Aber wie der Zufall es so wollte, kam nach einer gewissen Zeit ein Typ auf mich zu und fragte nach Feuer (wie originell), leider musste ich ihn an meine männlichen Begleiter verweisen, da ich gerade kein Feuerzeug hatte. Dort hat er dann auch das gewünschte Feuer bekommen, sah aber nicht so glücklich mit diesem Ergebnis aus, kam wieder auf mich zu und meinte, das wäre doch jetzt nicht so gelaufen wie er sich das vorgestellt hatte, schließlich wollte er ja eigentlich mit mir ins Gespräch kommen. Jacques heißt er, ist Südafrikaner, und natürlich schwul, aber er hat mir doch sehr geschmeichelt, da er mich ja unbedingt kennen lernen wollte, ob wir nicht mal Telefonnummern austauschen könnten, er sei auch erst seit einer Woche in der Stadt usw…... Armin war auch schon ein wenig säuerlich, er hatte wohl nicht bemerkt dass es sich hier nicht um Konkurrenz handelte. Wie auch immer, da ich unsere Telefonnummer natürlich nicht wusste, bat er dann Armin um selbige, Armin hat ihm dann seine Karte gegeben und dann mussten wir weiter in die nächste Bar. Armin war allerdings erstmal eine ganze Zeit etwas stinkig, er wollte mir partout nicht glauben, dass es sich hierbei sehr wohl um einen homosexuellen Mann gehandelt hat, aber nach einer gewissen Zeit hatte er sich dann wieder beruhigt. Hhhmmm, merke gerade, dass die Geschichte nicht so witzig klingt, wie sie tatsächlich war, na ja. Jedenfalls gibt es hier eine Menge Leute aus ganz vielen Ländern, die meisten sind wohl Englischlehrer, wie mir scheint. Dann sind wir also in die nächste Bar, das Napoli, gegangen. Das scheint die Lieblingskneipe von Peter und Jon zu sein, relativ groß, in der Mitte ein riesiger Tresen, drumherum Tische und Stühle, und eine kleine Bühne. Es scheint, als ob hier in Taiwan viel Livemusik gespielt wird. O.K. Die Darbietung am Samstag als wir kamen, war musikalisch zwar gut, aber etwas ermüdend, zu ruhig, das änderte sich dann aber schnell, und es kam Musik von CD. Prompt wurde viel getanzt und gefeiert. Armin hat mir vorher schon mal erzählt, dass die taiwanesischen Frauen sehr sehr selbstbewusst seien. Ein Exemplar davon habe ich dann auch kennen gelernt, haha, das war doch sehr witzig. Dieses Mädel kannten die Herren wohl schon, scheint etwas hartnäckig und ein klein wenig verrückt zu sein, jedenfalls hat sie alle Männer ordentlich zugetextet, das ging soweit, dass Jon ihr erzählt hat, ich sei seine Frau (????), Armin hat ihr berechtigterweise natürlich ebenfalls erzählt dass ich seine Frau sei, man war das ein Durcheinander. Aber sie ließ sich nicht beirren, zwang mir dann noch ein Gespräch auf, über Freundschaften zwischen Männern und Frauen, und dass das ja leider wohl nicht möglich sei, und dass die Männer ja eh immer nur das eine wollten…tja was sollte ich dazu bloß sagen? Irgendwie bin ich da auch wieder rausgekommen, wahrscheinlich hat sie sich dann wieder an einen der Männer orientiert….Jedenfalls sind wir dann noch in eine Disco. Ne vorher habe ich noch eine nette 26-jaehrige Neuseeländerin kennen gelernt, Kylie, sie ist ebenfalls Lehrerin hier, und ist mit ein paar Leuten von der Baustelle befreundet.  Mit Kylie habe ich mich jedenfalls nett unterhalten. Also, sind wir dann alle noch in diesen Schuppen „Pig Pen“ (ob das wohl stimmt?), halt ne richtige Disco, da sind wir dann aber nicht mehr so lange geblieben. Irgendwann muss man auch mal nach Hause gehen, gelle! Den Sonntag haben wir dann natürlich komplett verpennt.

Mein Alltagsleben ist momentan noch eher sehr ruhig, da ich noch keinerlei „Hochtief-Frauen“ kennen gelernt habe, aber da mache ich mir mal noch keine Sorgen, noch habe ich keine Langeweile. Eine gewisse Zeit der Eingewöhnung brauche ich ja eh immer. Es scheint mir allerdings auch etwas schwierig hier per Zufall jemanden zu treffen, Hochhäuser sind ja doch eher anonym, und schließlich wohnen die Leute hier auch nicht alle im selben Haus, wir werden sehen. So, nun soll es erstmal genug sein.

Fühlt euch herzlichst gegrüßt

BINE ;-)

 

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