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Wie ein Anderer Taiwan erlebt.....

oder Guenters Sicht der (taiwanesischen) Dinge

 

 

Teil 1 -04.10.2002-  

Ich warte immer auf die Sensation, ueber die ich berichten kann, aber es passiert nicht viel.

Vor zwoelf Wochen war es ein dreissig Jahre altes Flugzeug der taiwanischen Gesellschaft China Air, das mitten in der Luft einfach auseinanderbrach. Es sollte zu diesem Zeitpunkt eigentlich  schon nach Indonesien oder so verkauft sein, aber die haben nach dem Absturz die Erklaerung abgegeben, sie haetten es wegen des miserablen Zustands nicht gekauft. Das hielt die taiwanische Presse nicht davon ab, die halbe Titelseite einem Professor zur Verfuegung zu stellen fuer den Beweis, es seien die boesen Mainland Chinesen gewesen, die haben naemlich Raketen entwickelt, die man auf dem Radarschirm nicht sieht. Denn wenn es nicht die unsichtbaren Raketen der boesen Chinesen gewesen waeren haette man sie ja auf dem Radar gesehen. Und das sei nun ja wohl Grund genug, um China den Krieg zu erklaeren.

Vor acht Wochen war es das boese Mainland China, das diplomatische Beziehungen mit einem Suedseeinselchen aufgenommen hat, worauf Taiwan seine Beziehungen zu dem Inselchen abbrechen musste. Darueber laesst sich tagelang jammern. "Jetzt nehmen sie uns auch noch unsere Verbuendeten weg"

Vor vier Wochen war es tagelang die Frage "Wird ein Vertreter Taiwans offiziell zum Jahrestag des 11. September nach New York eingeladen?" Er wurde. Aber erst im letzten Augenblick. Ein Glueck, dass er rueckwaerts ueber die Datumsgrenze flog. Am 11. September um 11:00 ab  Taipei > am 11. September um 14:00 in New York.

Sehr beliebt ist das Privatleben oeffentlicher Personen. Zum Beispiel ein Regierungsmitglied mit einer Geliebten, dessen Ehefrau dann in der Zeitung erklaert, kein Problem, sie habe ja auch einen Lover, aber eben einen aus Taiwan (=gut), waehrend die Geliebte ihres Mannes aus Mainland China (=boese) komme.

Die 64jaehrige Ehefrau des 69jaehrigen Professors, die am Abend des Mid-Autumn-Moon Festivals zur Polizei geht, weil ihr Mann nachmittags losgezogen ist, um einer 59jaehrigen Bekannten die Glueckwuensche zum Mid-Autumn-Moon Festival zu ueberbringen und zum Abendessen immer noch nicht zu Hause ist.

Fuenf Minuten nachdem die Polizei an der Tuer der alten Bekannten geklingelt hat oeffnet diese. Der Professor sitzt voll bekleidet, wie uebrigens auch seine Bekannte festlich gekleidet und geschminkt ist, vor einem Stueck Mondkuchen (das schenkt jeder Taiwaner jedem Taiwaner zum Mondfest.

Normalerweise eine Packung mit mindestens acht klebrigen Klumpen zum Preis ab 50 Mark mit Namen wie "Happy Betelnut Girls" (denen uebrigens seit zwei Wochen per Gesetz auferlegt ist, mindestens Busen und Pussy (schreibt man das so? Oder Pussi? Egal) zu bedecken, im Kampf um den Kunden, dem sie Kaffee, Zigaretten oder eben Betelnuesse aus ihrem Glaskasten am Stassenrand zum Auto bringen, nein sonst wirklich nichts, fingen die ersten naemlich schon an, ihre Taetigkeit komplett nackt auszuueben) oder "Sweet Banana Liana Dream", die innerhalb Sekunden nach Verzehr zu heftigstem Sodbrennen fuehren, bei mir jedenfalls, und bei denen es auch offensichtlich auf Hersteller und Verpackung ankommt, nicht auf den Inhalt - deshalb ist auch immer gross die Jahreszahl des Ereignisses aufgedruckt, damit sie nicht naechstes Jahr zum Mondfest einfach reihum weiterverschenkt werden).

Und nun raetselt ganz Taiwan, ob es einem 69jaehrigen Professor und seiner 59jaehrigen Bekannten moeglich ist, sich innerhalb von fuenf Minuten so korrekt anzukleiden und herzurichten, dass es aussieht als haetten sie die letzten Stunden lediglich mit dem Austausch von Glueckwuenschen zum Mondfest verbracht.

Man sieht, alles Kleinigkeiten, nix weltbewegendes.

Aber heute. Endlich. Die Schlagzeile.

Abteilungsleiter aus dem Gesundheitsministerium der sexuellen Noetigung beschuldigt.

Die obere Haelfte der ersten Seite. Breaking News sozusagen, die Sensation schlechthin.

Dazu ein Foto, auf dem zwei Maenner zu sehen sind. Es handelt sich doch nicht etwa um, wie soll ich sagen, um twas widernatuerliches? In Taiwan? Wo die Frauen sich nackt ausziehen, um Kaffee zu verkaufen? Zwei Maenner? Und tatsaechlich. Ich fasse es nicht. Es handelt sich bei den Personen auf dem Foto um Taeter und Opfer, wie ich der Bildunterschrft entnehme. Taeter ist der linke, sieht auch schon so aus, natuerlich, das sehe ich auf den ersten Blick, und Opfer der rechte, der kleine niedliche. Der Arme. Was hat ihm der fiese Kerl nur angetan.

Es dauert, bis ich die Einleitung zur Beschreibung des Ortstermins endlich richtig interpretiere. Bei der Person, die immer mit "she" zitiert wird, handelt es sich um die Ermittlungsbeamtin.

Es bleibt dabei. Zwei Maenner. Nicht zu fassen. Herr Twu ist der Abteilungsleiter aus dem Gesundheitsministerium. Herr Chen ist das bedauernswerte Opfer.

Der Ortstermin findet im KTV statt. Wenn ich nun erklaere, dass ein KTV im Prinzip so was wie ein Puff ist, so ist das irrefuehrend. Es ist eher so was wie ein Stundenhotel mit Karaokeeinrichtung und Service. Man kann mit Geschaeftsfreunden ins KTV gehen. Dann wird gesungen und von anfangs angezogenen, spaeter eher nackten Frauen Schnaps und Bier serviert. Man darf sie auch anfassen, das kostet extra. Oder sie singen mit. Das kostet extra.

Man kann auch alleine hingehen. Und alleine singen. Das kostet nicht extra, macht aber weniger Spass. Also laesst man sich von anfangs angezogenen, spaeter eher nackten Frauen Schnaps und Bier servieren und was singen. Das kostet extra. Und anfassen. Das kostet ziemlich extra.

Man kann mit der ganzen Familie hingehen. Das passiert eher nicht, weil das KTV ist ja deswegen da weil man die ganze Familie schon zu Hause hat und die stoert beim Bier und Schnaps servieren und singen. Man kann auch mit seinem Lover ins KTV gehen. Weil eben zu Hause die ganze Famile usw.

Vom Prinzip her ist das KTV also doch eher ein Ort der ungezuegelten Lebensfreude.

Und in ein solches hat Herr Twu Herrn Chen gelockt unter dem Vorwand, mit ihm seine Befoerderung zum Abteilungsleiter zu feiern. Herr Chen, ueber dessen berufliche Position in dem Artikel keine Aussage gemacht wird, folgte nichtsahnend der Einladung.

Herr Twu befand sich bereits in dem Raum, und als Herr Chen den Raum betrat, nein, Herr Twu fiel nicht hemmungslos ueber ihn her.

Herr Twu kuesste ihn zur Begruessung vier mal, jawohl, v i e r  mal, ins Gesicht.

Also doch nicht der Wuestling wie man vermutet. Und dann setzten sie sich auf das Sofa und plauderten, und ploetzlich also doch - ploetzlich - also sowas von widerlich - ich moechte eigentlich gar nicht weiterschreiben. Aber nun wollt Ihr es sicher wissen. Also man kann sich

sowas perverses kaum vorstellen - ploetzlich drehte sich Herr Twu zu Herrn Cheng und leckte ihm am - soll ich es wirklich schreiben? - leckte ihm am Ohr.

Oha, denke ich, nun wird es spannend und lese weiter. Daraufhin stand Herr Cheng auf und verliess das KTV und ging nach Hause zu seiner Frau.

Eigentlich haette ja noch eine interessante Story daraus werden konnen.

Zurueck zum Anfag.

Ich warte immer auf die Sensation, ueber die ich berichten kann, aber es passiert wirklich nicht viel.

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Bis die Tage,

Guenter

 

Teil 2 -14.10.2002-   

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Ansonsten tut sich hier im Lande immer noch nichts.
Die Hinweise auf die Gefahren fuer den persoenlichen IQ, die ein laengerer Aufenthalt hier mit sich bringt, sollte ich ernst nehmen.
Herr Twu wurde durch seine Mutter entlastet. Sie hat bei ihrem Leben geschworen dass sie zu der Zeit schwer krank war und Herr Twu die ganze fragliche Nacht an ihrem Bett verbracht hat. Es gab erst mal heftige Attacken gegen die Presse, die solche Intrigen gegen die  Regierungspartei unterstuetzt, und zwei Tage spaeter - nun hing ja alles irgendwie in der Luft, wer hatte nun Herrn Chen am Ohr geleckt? - die einleuchtende und ausreichende Erklaerung, Herr Chen habe Herrn Twu mit Herrn Tu verwechselt. Ob dies durch ein Vergleichslecken noch verifiziert wurde weiss ich allerdings nicht.
Denn dann war Nationalfeiertag und somit andere Themen angesagt. Als besonders nationaler Beitrag fand die Auffuehrung der Ouverture Solennelle open air vor dem Praesidentenpalast statt, das ist das Ding von Tschaikowski, in dem zum Schluss Gewehrsalven und Kanonen vom Orchester imitiert werden. In Taiwan waren es aber richtige Gewehre und Kanonen, die nationale Armee hat sich selbstlos zur Unterstuetzung des Orchesters zur Verfuegung gestellt.
Und dann gab's noch Beethovens neunte. Die Ode an die Freude war auf chinesisch uebersetzt unters Volk verteilt worden, so dass alle laut mitsingen konnten.
Dazu gab's wohl noch als weiteren Beitrag zur Entwicklung der taiwanischen Nationalkultur ein paar Haeppchen von MacDonalds.
Ihr habt recht. Es ist hoechste Zeit hier abzuhauen.

Bis die Tage,
Guenter